Von Bienen, Pestiziden und dem großen Aufwand, sauberen Honig zu produzieren

Gunter Beyer ist Imker aus Leidenschaft und versteht sich selbst als „Landwirt vom Herzen“. Bereits seit 30 Jahren hat er Bienen, zwischendurch hielt er Ziegen, Hühner und Pferde, hat Ackerlandwirtschaft betrieben und Käse selbst hergestellt. Seit zehn Jahren verschreibt er sich ausschließlich der Bio-Imkerei. Seinen Sitz hat er im hessischen Witzenhausen südlich von Göttingen. Über seinen Antrieb als Bio-Imker, die Schwierigkeiten, Honig herzustellen, der nicht mit Pestiziden kontaminiert ist und seine Wünsche an die Politik spricht er im Interview mit Almut Gaude. 

Was zeichnet die Imkerei Gunterbunt aus? 

Zunächst einmal sind wir eine Bioland-Imkerei. Das ist für mich das Allerwichtigste. Für mich war von Anfang an entscheidend, dass ich unter kontrollierten biologischen Richtlinien arbeite. 

Und: Wir sind eine Wander-Imkerei. Das heißt, für unsere acht bis neun verschiedenen Sorten Honig wandern wir mit unseren rund 600 Bienenvölkern den Blüten hinterher. Das fängt etwa im Mai an, mit den Obstblüten und dem Raps, danach kommt die Akazie, dann die Himbeere, die Kornblume, die Linde und manchmal auch die Tanne. Das heißt, in einem Abstand von zwei bis drei Wochen packen wir unsere Bienenvölker über Nacht ein, laden sie auf einen Lkw und fahren um die 100 bis 300 Kilometer weit zur nächsten Blütentracht. 

Wie viele dieser Wander-Imkereien gibt es? 

Es gibt sicherlich zwischen 200 und 300 Wander-Imkereien in Deutschland, in dem Rahmen, wie wir es machen. Aber es gibt auch zwei bis drei Groß-Imkereien, bei denen es nicht um 600 Völker geht, sondern um das Zehnfache. Und viele weitere Imkereien arbeiten mit etwa 40 bis 70 Völkern. 

Wieviel Ertrag bringen Eure Bienenvölker?

Als Berufsimkerei mit fünf Mitarbeiter*innenn arbeiten wir sehr intensiv mit den Bienen. Wir können im Durchschnitt zwischen 80 und 90 Kilo Honig pro Volk erwirtschaften. Wir hatten letztes Jahr ein Spitzenjahr, da lagen wir schon fast bei 100 Kilo pro Bienenvolk. Aber es gab auch schon Jahre, da sind wir selbst durch intensives Wandern nur auf 65 bis knapp 70 Kilo pro Volk gekommen.

Was sind die wichtigsten Kriterien der Bioland-Imkerei? 

Zentral sind der eigene Wachskreislauf in der Bio-Imkerei, dass keine Chemikalien im Bienenstock eingesetzt werden dürfen und die Rückverfolgbarkeit des Honigs bis aufs einzelne Feld.

Für die Honig-Qualität spielt das Wachs der Bienen eine entscheidende Rolle. Im Unterschied zur konventionellen Imkerei darf Wachs aus dem Brutraum, in dem die Königin ihre Eier ablegt und die Brut aufwächst, nicht mit Wachs aus dem Honigraum vermischt werden. Der Honigraum dient rein der Honigablage. Beide Räume sind im Bioanbau streng voneinander getrennt. Durch die Brut und Brutreste verunreinigtes Wachs darf bei uns nicht als Wachsplatten im Honigraum zum Einsatz kommen. Somit bleibt der Honig rein. 

Zum anderen haben alle Imker – konventionelle wie Bio-Imker – mit der Varroa-Milbe zu kämpfen. Vorgabe bei Bioland ist, dass ausschließlich mit organischen Säuren oder ätherischen Ölen dagegen vorgegangen werden darf, aber erst am Ende der Saison, wenn kein Honig mehr da ist. Behandelt wird nur der Brutraum – wenn es dort zu einer erhöhten Konzentration an Säure im Wachs kommt, wird dieses wiederum nicht mit dem Wachs aus dem Honigraum vermischt. Der Honig bleibt somit ein klares, reines Naturprodukt. 

Im Unterschied dazu darf der konventionelle Imker gegen Milben auch Chemo-Therapeutika einsetzen und das Wachs aus Honigraum und Brutraum vermischen.

Auch die Rückverfolgbarkeit ist bei Bioland wichtig. Ich muss wissen: Wo kommt der Honig aus dem Glas her, aus welchem Fass wurde er entnommen, wann wurde er abgefüllt und wo standen die Völker, die diesen Honig gesammelt haben. 

Wie beeinflusst der Pestizideinsatz der konventionellen Landwirtschaft deine tägliche Arbeit?

Meine tägliche Arbeit nicht so sehr, aber es gibt einen Zeitraum, da stehen mir deswegen wirklich die Haare zu Berge. Das ist das Frühjahr, wenn die Obstblüten aufgehen. Hier in Witzenhausen gibt es noch sehr viele Kirschen, die intensiv bearbeitet werden und intensiv heißt: spritzen, spritzen, spritzen. Auch Rapsfelder gibt es hier überall, nur leider Bio-Raps so gut wie gar keinen. Einen Frühjahrs-Rapsblüten-Honig zu erzeugen, der so gut wie keine Pestizide in sich hat, ist ein äußerst kompliziertes Thema. Denn eine Biene fliegt bis zu drei Kilometer weit, da ist es schwierig, dass sie allein zu ungespritzten Flächen fliegt. Einen Bienenstand aufzumachen in unseren Breitengraden, von dem aus die Bienen nicht auf konventionelle Rapsäcker fliegen, ist so gut wie unmöglich.

Was gibt es für genaue Regeln zu Pestiziden im Honig bzw. zum Ausbringen von Pestiziden?

Die Honigverordnung schreibt für Bio- als auch für konventionelle Imker ähnliche Grenzwerte für Pestizidrückstände im Honig fest. Das wird bei allen Betrieben vom Veterinäramt stichprobenartig jährlich überprüft, bei uns Bio-Bezrieben kommt noch eine weitere jährlich Überprüfung von unabhängigen Bio-Kontrollverbänden dazu. Außerdem gibt es die Spritzverordnung, die vorschreibt, dass Pestizide nur nach dem Bienenflug, also am Abend oder sehr früh morgens ausgebracht werden dürfen. Hält sich aber ein Bauer nicht daran und spritzt tagsüber bei wärmeren Temperaturen, bei voller Blütenöffnung und damit zur Hauptsammelzeit der Bienen, kann man davon ausgehen, dass sich das 100- bis 1000-fache von dem, was an Grenzwerten zugelassen ist, später im Honig findet. Dieser Honig ist nicht mehr zu verwenden und muss teuer entsorgt werden. 

Was tust Du, um Deinen Honig vor Pestiziden zu schützen?

Ich suche vor allem mit den konventionellen Bauern das Gespräch, um mit ihnen gemeinsam Lösungen zu finden, wie der Pestizideintrag gestoppt, verringert oder verschoben werden kann. Da geht es zum einen darum, ihnen meine Problematik darzulegen, also: Worum geht es mir? Was ist wichtig dabei? Und zum anderen aber auch natürlich sie anzuhören, zu verstehen, welche Probleme es bei ihnen gibt.

Und dann erarbeite ich gemeinsam mit ihnen Ansätze, um die Pestizidbelastung zu verringern: Zum Beispiel arbeite ich mit einem großen landwirtschaftlichen Betrieb zusammen, der sich nach meiner Beratung ein „Dropleg“-Spritzensystem zugelegt hat. Dieses System bringt die Pestizide nicht von oben auf die Blüten, sondern von unten an die Blattachsen. So kommen keine Pestizide in die Blüte, nicht in den Nektar und somit auch nicht in den Honig. Mit einem anderen Bauern habe ich Versuche gemacht, auf die letzte Blütenspritzung beim Raps zu verzichten. Im Gegenzug haben wir um die Rapsfelder Bienenvölker zur Bestäubung verteilt. Letztendlich hat er dadurch sogar mehr Ertrag gehabt.

Leider klappt das aber mit den Absprachen auch nicht immer. Ich musste schon mal zwei Tonnen Honig auf der Sondermülldeponie entsorgen. Da war einfach zu viel Pestizid drin, obwohl ich mit dem Bauern gesprochen hatte, obwohl ich ihm sogar Geld für seine Mitarbeiter*innen gegeben hatte, damit sie abends spritzen, was die Spritz-Verordnung ohnehin vorgibt. Die Entsorgung und die fehlenden Einnahmen haben Kosten in Höhe von 16.000 Euro verursacht. 

Schlussendlich gehe ich selbst immer auf Nummer sicher und lasse den Frühjahrs- bzw. Rapsblüten-Honig auf meine Kosten analysieren, bevor er in den Verkauf geht. Für durchschnittlich 15 Tonnen Rapsblütenhonig-Ernte verursachen diese Pestizid-Rückstandsanalysen rund 2000 Euro Kosten pro Jahr. Der Honig wird dadurch pro Kilogramm zehn bis elf Cent teurer.

Was passiert, wenn zu viel Pestizide in deinem Honig sind? 

Der Honig muss dann auf meine Kosten aus dem Verkauf entfernt und entsorgt werden. Eine Handhabung gegen den Verursacher ist nur dann möglich, wenn ich einem Bauern nachweisen kann, dass er diesen Schaden fahrlässig verursacht hat. Wenn er zum Beispiel am helllichten Tag Glyphosat auf Blühflächen ausgebracht hat und dies dokumentiert werden konnte. Aber das ist ein sehr, sehr schwieriger, kostspieliger und langwieriger Prozess. Das ist ein enormer Aufwand, der alleine als kleines Unternehmen fast nicht zu schaffen ist. 

Mit welchen Herausforderungen hast du zu kämpfen, um dich auf dem Markt behaupten zu können? 

Noch bis vor einigen Monaten, bevor die Inflation begann, ging es uns eigentlich sehr gut. Die ganze Bio-Branche hat geboomt, die Bioläden, die Bio-Sortimente in den Supermärkten. Durch den Einstieg der Supermärkte und Discounter in den Bio-Bereich gab es einen immens großen Markt, den man mit seinen Bio-Produkten beliefern konnte. Das Ganze entwickelte sich mit Preisniveau nach oben, langsam und stetig, aber auf jeden Fall aufwärtsgehend. 

Jetzt haben wir die Situation, dass es durch die schwindende Kaufkraft deutlich schwieriger geworden ist. Es ist gerade enorm viel Honig auf dem Markt, der nicht verkauft werden kann, weil eben Honig kein Produkt ist wie Brot oder Käse. Bio-Honig war schon immer relativ teuer und jetzt, wo die Kosten in der Imkerei enorm gestiegen sind, mussten auch wir die Preise weiter anheben. Was ich noch gut verkaufen kann ist der Honig in den Supermärkten, einfach durch die hohe Menge an Kunden die da durchlaufen. 

Empfindest Du es nicht als Wettbewerbsnachteil, dass Du so hohe Kosten für die Rückstandsanalysen hast?

Nein. Das ist meine Entscheidung. Ich will niemanden schädigen und nehme die Kosten gerne in Kauf, den Honig regelmäßig zu testen, um somit ein hochqualitatives Produkt liefern zu können. Aber: Um insgesamt eine hohe Qualität und gesunde Lebensmittel zu gewährleisten, müssten eigentlich alle Betriebe – ob konventionelle oder Biobetriebe – dazu verpflichtet werden, Analysen ihrer Ernte machen zu lassen – zumindest beim oft stark belasteten Frühjahrs-Rapsblütenhonig.

Was brauchst Du – auch politisch – damit deine Art der Imkerei einfacher wird? 

Ich bin Bauer vom Herzen. Bauer wird man, weil man es unbedingt machen will. Eigentlich wollen alle Landwirte gesunde Nahrung herstellen und ich habe auch für die konventionellen Landwirte Verständnis. Mir macht Mut, dass man sich inzwischen aufeinander zubewegt, auch wenn das nur langsam passiert. Bei der konventionellen Imkerei zum Beispiel ist der Gebrauch von Chemo-Therapeutika gegen die Varroa-Milbe zurückgegangen. Es findet ein Umdenken statt: Man will sich nicht selber schaden und setzt deshalb immer mehr die organischen Säuren ein, einfach von sich aus, weil die Zeit dafür reif ist. 

Man muss kommunizieren und man muss voneinander lernen und das passiert – wenn auch langsam. Da könnte die Politik noch sehr viel mehr unterstützen. Es braucht weniger Schwarz-Weiß-Denken in den Köpfen – hier Bio und dort konventionell – stattdessen viel mehr Kommunikation zwischen den beiden. Regelmäßige Fortbildungen für Landwirte zum Bereich Insekten-, Klima- und Bodenschutz wären auch total wichtig. Und an manchen Stellen braucht es natürlich auch das Aussprechen konsequenter Verbote und auch stärkere Kontrollen, gerade was Pestizide angeht. 

Im Endeffekt muss die Bio-Landwirtschaft den konventionellen Landwirten vorarbeiten und zeigen, dass es möglich ist, effektiv und genügend Lebensmittel produzieren zu können auf Bio-Niveau.

Autorin: Almut Gaude
arbeitet freiberuflich und leidenschaftlich als Redakteurin zu Umwelt- und Naturschutzthemen

Fotos: Almut Gaude

Mehr zur Bio-Imkerei Gunterbunt: 
www.imkerei-gunterbunt.de