Experten-Panel auf der Biofach diskutiert notwendige Konsequenzen aus dem aktuellen “Schwarzbuch Wasser”
Nürnberg, 12. Februar 2026. Drei Viertel des deutschen Grundwassers sind mit Pestiziden und ihren Abbauprodukten belastet, Ewigkeitschemikalien wie Trifluoressigsäure (TFA) finden sich inzwischen sogar in Lebensmitteln. Was lange als abstraktes Umweltproblem galt, wurde auf der BIOFACH zur konkreten Zukunftsfrage: Haben wir noch eine Wasserkrise – oder längst eine Existenzkrise?
Mit dieser Leitfrage eröffnete die Podiumsdiskussion „Kein sauberes Wasser, keine Zukunft – Handlungsdruck im Zeitalter der Ewigkeitschemikalien“, die das Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft gemeinsam mit Naturland veranstaltete. Dabei diskutierten Vertreter*innen aus Wasserwirtschaft, Landwirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft – darunter Leonie Spahr (Allianz öffentlicher Wasserwirtschaft e. V.), MdB Karl Bär (Bündnis 90/Die Grünen) sowie Antonia Muriel Messerschmitt (Fridays for Future München) über Ursachen, Verantwortlichkeiten und Lösungswege.
Der Impuls: Zahlen, die alarmieren
Den inhaltlichen Auftakt lieferte Frank Stieldorf, Geschäftsführer der Qualitätsgemeinschaft Bio-Mineralwasser e. V., mit aktuellen Daten aus dem Schwarzbuch Wasser V: Über 70 Prozent der deutschen Grundwasservorkommen sind bereits mit Pestiziden und ihren Abbauprodukten belastet, rund drei Viertel davon mit der Ewigkeitschemikalie TFA. 1
Gleichzeitig nimmt der Einsatz von Pestiziden weiter zu – und damit das Risiko für das Grundwasser.
Noch nie waren in Deutschland so viele Pestizidanwendungen erlaubt wie heute. Im November 2025 waren rund 30.000 Anwendungen genehmigt. Da viele Mittel mehrfach pro Vegetationsperiode eingesetzt werden dürfen, summiert sich dies auf nahezu 80.000 staatlich erlaubte Spritzungen. Allein in den vergangenen 15 Jahren hat sich die Zahl der genehmigten Anwendungen verdoppelt. 2
Diese Zahlen machen deutlich: Die Belastung des Grundwassers ist kein regionales oder einzelbetriebliches Problem, sondern eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung.
Die Debatte: Wer trägt Verantwortung?
Moderator Dr. Niels Kohlschütter, Vorstand der Schweisfurth Stiftung und Vorstandsmitglied des BEL griff die zentralen Aussagen des Impulses auf, ordnete sie ein und führte in die Diskussion ein. Er verwies auf den Antrag der deutschen Behörden auf EU-Ebene, Trifluoressigsäure (TFA) – ein Abbauprodukt von per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen (PFAS), zu denen auch einige Pestizide gehören – als fortpflanzungsschädigendeinzustufen.
Die technische Grenze ist erreicht.
Aus Sicht der öffentlichen Wasserversorgung ist die Lage bereits heute hochkritisch. TFA ist extrem mobil und verhält sich in der Umwelt nahezu wie Wasser selbst. Ist der Stoff einmal im Grundwasser, lässt er sich mit gängigen Aufbereitungstechniken nicht mehr entfernen. Technische Lösungen wie Umkehrosmose sind aufwendig, teuer und erzeugen zusätzliche Abfallströme. Bereits heute liegen 8,2 Prozent der Grundwasservorkommen über dem gesundheitlichen Orientierungswert – und werden dennoch zur Trinkwassergewinnung genutzt. Mit den ab 2025 geltenden PFAS-Grenzwerten und weiteren Verschärfungen ab 2027 wird sich dieser Druck weiter erhöhen.
Die Belastung ist politisch mitverursacht.
Deutlich wurde die politische Dimension der Situation: Der zulässige Grenzwert für TFA liegt in Deutschland hundertmal höher als in den Niederlanden – ein Unterschied, der nicht wissenschaftlich, sondern politisch begründet ist. Offenlegungen nach dem Umweltinformationsgesetz zeigen zudem, wo PFAS und TFA in Deutschland weiterhin legal in Gewässer eingeleitet werden dürfen. Als relevante Quellen wurden neben der Landwirtschaft – aus der laut Umweltbundesamt rund 70 Prozent der TFA-Belastung des Wassers stammen – auch industrielle Einleitungen sowie sogenannte F-Gase benannt, die in der Atmosphäre zu TFA zerfallen und über Niederschläge erneut in Böden und Gewässer eingetragen werden.
Nachsorge ersetzt keine Vorsorge.
Einigkeit bestand darin, dass der wirksamste Schutz des Wassers bei der Vermeidung neuer Stoffeinträge ansetzt. Gute Böden sind dabei ein zentraler Hebel – sowohl für einen resilienten landwirtschaftlichen Anbau als auch für die Neubildung von sauberem Grundwasser. Die heutigen Belastungen sind das Ergebnis jahrzehntelanger Entscheidungen und werden die Wasserqualität noch lange prägen.
Die Stoffe sind längst im Alltag angekommen.
Zum Abschluss wurde deutlich, dass PFAS kein abstraktes Umweltproblem mehr sind. Sie finden sich nicht nur im Wasser, sondern auch in Lebensmitteln und zahlreichen Konsumprodukten. Die Lösungsansätze sind bekannt – entscheidend ist nun ihre konsequente und verbindliche Umsetzung.
Ausblick
Die Podiumsdiskussion markierte den Auftakt für einen weiterführenden Austausch. Die Dringlichkeit ist erkannt, die Verantwortung benannt – nun kommt es darauf an, aus Erkenntnissen konkrete Konsequenzen zu ziehen. MdB Karl Bär lud zu einem parlamentarischen Abend im Bundestag ein; alle Beteiligten signalisierten Bereitschaft zum weiteren Dialog.
Moritz Reimer, Vizepräsident von Naturland e. V., betonte: “Der beste Weg, das Grundwasser zu schützen, ist der konsequente Ausbau der ökologischen Landwirtschaft. Städte wie München oder Leipzig haben das erkannt und setzen in ihren Wassereinzugsgebieten schon lange erfolgreich auf Öko-Landbau. Gerade für Wasserschutzgebiete müssen auch die Bundesländer deutlich mehr Anreize für die Umstellung auf Bio schaffenund entsprechende Förderprogramme auflegen.”
Anja Voß, Geschäftsführerin des Bündnisses für eine enkeltaugliche Landwirtschaft, unterstrich die politische Verantwortung: „Auch wenn die Bundesregierung ein pauschales Stoffgruppenverbot für PFAS politisch ausschließt: Jeder Tag Untätigkeit verschärft die Krise. Wir fordern, dass Deutschland dem dänischen Vorgehen folgt und TFA-bildende Pestizide sofort verbietet – statt weiter auf Brüssel zu zeigen und die Verantwortung für den Schutz von Gesundheit, Wasser und Umwelt zu vertagen.“
Damit verdichtete sich die zentrale Erkenntnis der Podiumsdiskussion:
Kein sauberes Wasser – keine Zukunft.
Über das Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft:
Das Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft ist ein Zusammenschluss von namhaften Bio-Unternehmen sowie von zivilgesellschaftlichen Organisationen. Viele der Mitglieder zählen zu den Pionieren des ökologischen Landbaus in Deutschland. Die Mission des gemeinnützigen Bündnisses: Vitale Lebensgrundlagen für kommenden Generationen zu erhalten und sie dort, wo sie bereits beschädigt sind, wieder aufzubauen. Im Fokus stehen gefährliche chemisch-synthetische Pestizide, die auf Gemüse, Obst und Getreide ausgebracht werden und sich von dort auf dem Luftweg in ganz Deutschland ausbreiten. Mit wissenschaftlichem Sachverstand und juristischer Kompetenz kämpfen die Akteurinnen und Akteure für eine Zukunft ohne Ackergifte.
Über Naturland:
Naturland ist der größte internationale Öko-Verband. 114.000 Bäuerinnen und Bauern in 68 Ländern der Erde zeigen, dass ein ökologisches, soziales und faires Wirtschaften ein Erfolgsprojekt ist. Allein in Deutschlandund Österreich gehören mehr als 7.000 Bio-Betriebe dieser Gemeinschaft an. Weltweit ist die Mehrzahl der Naturland-Bäuerinnen und Bauern in kleinbäuerlichen Kooperativen organisiert.
Pressekontakt Bündnis:
Yvi Scholz
Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft e.V.
+49 151 15200097
yvi.scholz@enkeltauglich.bio
www.enkeltauglich.bio
Pressekontakt Naturland:
Markus Fadl
Naturland – Verband für ökologischen Landbau e. V.
Kleinhaderner Weg 1, 82166 Gräfelfing
mailto: m.fadl@naturland.de
Tel +49 (0) 89-89 80 82-0
Fax +49 (0) 89-89 80 82-90
www.naturland.de
¹ Qualitätsgemeinschaft Bio-Mineralwasser e.V. (2025):
Schwarzbuch Wasser, Teil V – Der Zustand von Grund- und Trinkwasser,
https://www.bio-mineralwasser.de/downloads/
2 BUND (2026): Pestizidmangel – Faktencheck,
https://www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/publikationen/umweltgifte/Pestizidmangel-Faktencheck-BUND-2026.pdf