Wannsee – Naturgarten statt Rollrasenwüste

Die Ausgangslage: Der Ort, den ich verwandeln wollte

Als wir im Sommer 2015 einzogen, lag unter meinem Garten ein Geheimnis. Kein schönes. Das Haus, das vorher hier gestanden hatte, war abgerissen worden. Drei neue Reihenhäuser wurden darauf gebaut, unseres ist eines davon. Was blieb, war verdichtete Erde voller Schutt und Bauschutt. Darüber hatte jemand Rollrasen gelegt – gleichmäßig grün, gleichmäßig leer, wie ein frischer Anstrich über einer morschen Wand. Eine Rollrasenwüste. Es sah ordentlich aus. Es war nichts.

Mein Antrieb: Warum ich losgelegt habe

Die Autorin Elizabeth von Arnim schrieb einmal sinngemäß, wie glücklich sie sich schätze, in einem Garten zu leben – mit Büchern, Kindern, Vögeln, Blumen und der Muße, all das zu genießen. Dieses Gefühl kenne ich. Es war mein Antrieb.

Als wir einzogen, waren unsere Kinder im Grundschulalter. Ich wollte keinen Rasen, der aussieht wie ein grüner Teppich und genauso tot ist. Ich wollte einen Garten, der lebt. Und ich hatte noch nie einen Garten für mich alleine gehabt – ich musste alles selbst herausfinden. Ein Garten ist wie Erziehung: Man findet oft erst durch die Pflanzen heraus, was geht und was nicht. Sie zeigen es einem. Man muss nur zuhören.

2016 fing ich an – mit wenig: ein paar Setzlingen, Saatgut, einem kleinen Komposthaufen. Mit einer klaren Haltung: einheimische Pflanzen, soweit wie möglich Bio, und immer die Frage: Was braucht wer? Ein großes Hangbeet war schon vorhanden – das habe ich als erstes dicht bepflanzt, eng und mutig, mit Weidenzäunchen zu kleinen Terrassen geformt.

Den entscheidenden Schubs gaben ausgerechnet die Wildschweine. Unser Haus liegt an einer Straße, hinter der der Wald beginnt – er reicht bis hinunter zum Wannsee, und von dort sind sie gekommen. Im Sommer 2018 gruben sie einen Großteil des Vorgartens um. Statt den Rasen wiederherzustellen, dachte ich: Jetzt. Dort wo früher Rasen war, ist nun Leben. Und ich habe nicht mehr aufgehört.

Die Verwandlung: Was ich angepackt habe

Der Grundsatz war einfach: Pflanzen, die zur Lage passen. Keine exotischen Diven. Sondern Pflanzen, die wissen, was sie tun. Ich habe angesät, bestellt und getauscht – Stauden vermehren sich gerne, und wer anfängt zu teilen, merkt: Der Garten wird größer als man selbst. Die Pflanzen wandern weiter, zu Nachbarn, zu Freunden, in andere Gärten.

Heute wächst hier alles durcheinander, wie es in der Natur sein sollte. Blühpflanzen neben Gemüse, Kräuter neben Beerensträuchern, Wildpflanzen neben Rosen. Das Geißblatt klettert Treppe und Hauswand hoch – im Sommer ein Bienenbüffet, im Herbst Vogelfutter. Ein Totholzhaufen, der für manche aussieht wie ein unaufgeräumtes Kinderzimmer – und für den Hirschkäfer wie ein Fünf-Sterne-Hotel. Die Brennnessel bleibt. Immer. Auch wenn ich mich manchmal daran brenne. Tagpfauenauge, Kleiner Fuchs und Admiral legen ihre Eier auf kaum etwas anderem ab. Ohne Brennnessel keine Raupe. Ohne Raupe kein Schmetterling.

Eine Pflanze verdient besondere Erwähnung: der Flachblatt-Mannstreu (Eryngium planum) – eine einheimische Distelart, deren Stängel und Blütenköpfe in einem Blau leuchten, das man nicht erwartet. Neonblau, unwirklich, als hätte jemand etwas aus Metall gegossen und in die Erde gesteckt. Was diese eine Pflanze ausgelöst hat, hätte ich nicht erwartet – dazu gleich mehr.

Den Boden habe ich Jahr für Jahr aufgebaut: Kompost, Gründüngung, organischer Dünger. Wo immer ich heute grabe, sind Regenwürmer. Das klingt unspektakulär. Es ist das Fundament von allem.

Mein wichtigstes Prinzip: Im Herbst nichts zurückschneiden. Verblühtes und Trockenes bleibt stehen – den ganzen Winter. Was ordentlich aussieht, ist oft tot. Was lebt, sieht manchmal unordentlich aus. Das muss man wissen. Und dann muss man es einfach so lassen.

Die Rückkehr: Was mir Hoffnung gibt

Was heute in diesem Garten passiert, hätte ich 2015 nicht für möglich gehalten.

Fangen wir bei den Schmetterlingen an – sie sagen einem, ob man etwas richtig macht. Zitronenfalter auf dem Lavendel. Tagpfauenauge auf der Hortensie. Kleiner Perlmutterfalter im Gras – eine Art der Vorwarnliste, die trotzdem hierher findet. Sie kommen, weil hier Nektar wartet, Raupenpflanzen stehen und Verstecke sind. Ein Schmetterling braucht mehr als eine hübsche Blüte – er braucht ein ganzes Zuhause.

Und dann der Boden. Wo einmal Schutt war, leben heute Regenwürmer. Der Nashornkäfer – das Männchen trägt ein Horn wie ein kleiner Ritter – verbringt seine Larvenzeit im Kompost. Er steht auf der Vorwarnliste – das bedeutet: noch nicht gefährdet, aber bereits im Blick der Naturschützer. Hier bei mir ist er zu Hause. Der Goldglänzende Rosenkäfer – metallisch grün wie ein fliegender Smaragd – ebenfalls abhängig von lebendigem, humosem Boden. Beide wegen des Komposthaufens, den manche für Unordnung halten. Und dann ist da der Hirschkäfer – streng geschützt, europaweit gefährdet – der morsches Eichenholz für seine jahrelange Larvenentwicklung braucht. Dass er in einem Berliner Reihenhausgarten auftaucht, ist außergewöhnlich. Er tut es trotzdem.

Noch außergewöhnlicher ist die Borstige Dolchwespe (Scolia hirta) auf dem Flachblatt-Mannstreu – in Deutschland vom Aussterben bedroht, streng geschützt. Sie braucht den Mannstreu als Nahrungsquelle und die Nashornkäfer-Larven im Boden für ihre Eier. Beide Voraussetzungen sind hier erfüllt. In Berlin-Wannsee. Auf ehemaligem Schuttboden.

Grasfrösche – ebenfalls auf der Vorwarnliste, Spitzmäuse, Brandmäuse. Das Eichhörnchen holt Walnüsse vom Terrassentisch und legt mir manchmal die leere Schale zurück. Als Quittung. Oder als Dankeschön. Rotkehlchen, Amseln, Meisen, ein Grünspecht, der im Boden nach Ameisennestern stochert. Nachts schaut der Waschbär vorbei. Der Fuchs kommt zu jeder Tageszeit – ganz selbstverständlich, als wäre er schon immer hier gewesen.

Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr nur Beobachterin bin. Der Grasfrosch ist mir entgegengesprungen. Eine Heidelibelle hat es sich auf meinem Pullover bequem gemacht. Hummeln landen auf mir, wenn ich still genug sitze. Man wird Teil des Gartens. Und der Garten wird Teil von einem.

Den Flachblatt-Mannstreu habe ich an meine 89-jährige Nachbarin weitergegeben. Jedes Jahr sitzt sie davor und bestaunt die Borstige Dolchwespe. Wenn ich im Urlaub bin, gießt sie für mich. Sie sagt, sie dürfe ein Paradies hüten.

Und dann ist da noch die Ernte. Aprikosen, direkt vom Baum in den Mund – wer das einmal erlebt hat, mag keine mehr im Supermarkt kaufen. Johannisbeeren und Himbeeren, bei denen man nicht ernten kann, ohne zu naschen. Kirschtomaten, so süß und sonnengewärmt, dass sie die Küche selten sehen – sie wandern direkt vom Strauch in den Mund. Im Sommer stelle ich manchmal eine Kiste vor das Gartentor – einfach so, für alle. Radfahrer halten an. Spaziergänger greifen zu und lächeln. Der italienische Pizzabote beugt sich jedes Mal tief zu den Blüten hinunter und erklärt, dies sei der schönste Garten in ganz Wannsee. Einmal stand ein Lieferfahrer aus Syrien ganz still mitten darin und sagte leise, der Garten erinnere ihn an den Garten seiner Mutter in der Heimat. Das hat mich sehr berührt.

Dieser Garten gehört allen – der bedrohten Wespe, dem Fuchs, dem Eichhörnchen, dem Menschen, der über den Zaun schaut und lächelt. Ich bin nicht seine Besitzerin. Ich bin seine Hüterin.

Was du tun kannst

Klein anfangen reicht. Ein Tütchen Saatgut kostet weniger als eine Pflanze im Gartencenter. Stauden teilen und tauschen. Der erste Schritt muss kein großer sein – er muss nur getan werden.

Alles Bio, so weit es geht – Samen, Erde, Dünger, Vogelfutter. Was man reinsteckt, kommt zurück. Nur anders. Den Kompost anlegen, bevor man die erste Pflanze kauft. Wo Regenwürmer auftauchen, hat sich etwas verändert.

Teile, was sich vermehrt. Mein Flachblatt-Mannstreu blüht jetzt auch bei meiner 89-jährigen Nachbarin. Ein Setzling kann woanders etwas auslösen, das man sich nicht vorgestellt hätte.

Nicht aufräumen ist Naturschutz. Stängel, Laub, trockene Blütenköpfe – Winterquartier, Futter, Schutz. Leg eine wilde Ecke an, einen Totholzhaufen. Und lass sie in Ruhe.

Ein Garten ist kein Projekt, das man abschließt. Er ist ein Gespräch, das nie endet. Die Pflanzen zeigen einem, was geht und was nicht. Man muss nur zuhören. Das ist alles. Und das ist genug.

 

Für Kinder: 

Schau mal genau hin. Hat ein Käfer ein Horn auf der Stirn? Ein Nashornkäfer. 

Glitzert er grün wie ein Smaragd? Dann ist es ein Rosenkäfer. 

Siehst du eine Raupe auf einer Brennnessel? Gleich wird daraus ein Tagpfauenauge oder ein Kleiner Fuchs. 

Fehlen Nüsse vom Tisch, obwohl du sie gerade hingelegt hast? Das Eichhörnchen war da.

Landet eine Hummel auf deinem Arm, wenn du ganz still sitzt? Dann bist du Teil des Gartens. 

All das passiert nur dort, wo der Boden gut ist, die Pflanzen heimisch sind und niemand aufräumt, bevor die Natur fertig ist. Wenn du das siehst, hat dein Garten etwas richtig gemacht. Und du auch.