Die Ausgangslage: Der Ort, den ich verwandeln wollte

Ich wohne in München in einer Wohnung mit zwei Balkonen. Viele Jahre kaufte ich die Balkonblumen im Gartencenter, so wie viele andere Münchner auch. Zierpflanzen. Geranien, Petunien und andere Blumen mit großen bunten Blüten. Dann erfuhr ich zufällig: Diese Balkonpflanzen aus dem Gartencenter sind ein sehr großes Problem. Für Schmetterlinge und Bienen, die Menschen, die Umwelt und das Klima.

Problem 1: Keine Nahrung für Insekten

Viele Gartencenter-Balkonblumen bieten keine Nahrung für unsere Insekten. Denn sie kommen von anderen Kontinenten und sind für unsere Insekten zu exotisch. 

Zwei Beispiele: Die beliebten Balkon-Geranien kommen aus Südafrika, Petunien kommen aus Lateinamerika. Dort gibt es Insekten, die mit ihrem Rüssel in die Blüten hineinkommen und den Nektar heraustrinken können. Aber unsere mitteleuropäischen Insekten haben sich in vielen Millionen Jahren an unsere mitteleuropäischen blühenden Wildpflanzen angepasst. Die Rüssel unserer einheimischen Insekten passen gut in einheimische Blüten, so wie ein Schlüssel in ein Türschloss passt. 

Viele Raupen unserer einheimischen Schmetterlinge sind noch dazu sehr wählerisch. Sie haben Lieblingspflanzen und essen nur die Blätter von bestimmten einheimischen Pflanzen. Zum Beispiel frisst die Raupe des Rotklee-Bläulings nur Rotklee. Die Biologen nennen das „spezialisiert“. Gibt es keinen Rotklee, gibt es keinen Rotklee-Bläuling, die Raupe würde verhungern. So einfach ist das. Unsere Insekten brauchen also für ihre Ernährung unsere einheimischen Pflanzen.

Zurück zu meinem Geranien-Petunien-Balkon. Aus Sicht der hungrigen Münchner Schmetterlinge, Wildbienen, Hummeln oder Schwebfliegen hätte ich also genauso gut bunte Plastikblumen auf den Balkon stellen können. Da wären sie genauso hungrig wieder nach Hause geflogen.

Eine Ausnahme bei den Schmetterlingen gibt es allerdings: Das Taubenschwänzchen hat einen sehr langen Rüssel, fast 3 Zentimeter lang, und kann deshalb auch den Nektar in den Blüten von Geranien erreichen. 

Problem 2: Gift
Balkonpflanzen sind voller Pestizide, also Gifte. Das hat der Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland in einer Studie herausgefunden. Schmetterlinge und Bienen trinken das Gift mit dem Nektar oder sammeln es mit dem Pollen. Für Menschen ist das Gift auch nicht gesund.

Problem 3: Weite Wege

Bis die Balkonpflanzen im Gartencenter im Regal ankommen, haben sie häufig schon eine lange Reise hinter sich. Junge Balkonpflanzen werden in Ländern wie Kenia in Afrika, Costa Rica in Lateinamerika oder Thailand in Asien gezüchtet. Dort ist es wärmer als in Deutschland und die Pflanzen wachsen dort gut. Dann reisen sie zu uns. Das bedeutet, der CO2-Fußabdruck ist hoch. Schlecht fürs Klima!

Mein Antrieb: Warum ich losgelegt habe 

Ich hatte verstanden: Mein Balkon war schön bunt, aber giftig und mein Balkon war für hungrige Schmetterlinge und Bienen so nützlich wie ein leerer Kühlschrank für dich, wenn du Hunger hast. Das wollte ich ändern! Ich wollte einen Balkon ohne Gift und ich wollte Blumen mit Nektar und Pollen für Schmetterlinge, Bienen und andere Insekten. 

Die Verwandlung: Was ich angepackt habe

Ich kaufte einheimische Wildpflanzen in einer Bio-Staudengärtnerei im Süden von München. Die Gärtnerei war eine Empfehlung des Naturgarten-Vereins. Bio-Gärtnereien arbeiten ohne Pestizide. Das fand ich super! Ich kaufe seit vielen Jahren auch mein Essen im Bioladen, weil Bio-Landwirte keine Pestizide verwenden.

In meinem Einkaufskorb waren viele verschiede Bio-Stauden, zum Beispiel die Rundblättrige Glockenblume, die Gelbe Skabiose, ein Steppensalbei und Kartäusernelken. Ich finde schon die Namen toll!  Diese Stauden sind harte Jungs. Die Pflanzen überwintern in den Pflanzgefäßen auf dem Balkon, sogar bei Frost! Im Frühjahr treiben sie wieder neu aus. So muss man nicht jedes Jahr neu anpflanzen. 

Tipp:

Wenn du keine Bio-Gärtnerei mit einheimischen Wildpflanzen in der Nähe hast, kannst du die Bio-Stauden bei den meisten Bio-Gärtnereien auch im Internet bestellen. Sie kommen dann mit der Post.

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 Blumen säen

In einige Blumenkästen säe ich auch einjährige Sommerblumen. Zum Beispiel Kornblumen und Klatschmohn. Sie haben eine andere Strategie über den kalten Winter zu kommen, nämlich als Samen. Im Frühjahr keimen sie aus dem Samen. Dann wachsen sie und blühen im Sommer. Danach bilden sie Samen, der überwintert wieder. Dem macht die Kälte nichts aus. Die restliche Pflanze wird im Spätsommer braun und stirbt ab. Im nächsten Frühjahr muss ich neu aussäen. 

Ich mache mir die Mühe gerne, weil mir diese Blumen auch sehr gut gefallen. Außerdem kommen die Stieglitze auf meinen Balkon und fressen die Samen der Kornblumen im Juli. Stieglitze sind sehr hübsche bunte Vögel und schwatzen viel beim Futtern. Der Besuch der Stieglitze ist immer ein Höhepunkt in meinem Balkonjahr.

Tipp: Ein Tütchen mit vielen Samen kostet weniger als eine Pflanze in der Gärtnerei. So kannst du mit wenig Geld einfach auf dem Balkon loslegen. Die Anleitung steht auf der Rückseite des Tütchens. 

Meine Pflanzenliste A-Z findest du hier: Pflanzenliste Wilder Meter 

Übrigens: Nachdem mein Balkon komplett mit Wildpflanzen begrünt war, taufte ich ihn auf den Namen „Wilder Meter“.

 

Die Rückkehr: Was mir Hoffnung gibt 

Welche Tiere werden wohl meine Wildpflanzen besuchen? Ich war gespannt und führte eine Liste mit meinen Beobachtungen. Jeden Tag ging ich auf Balkon-Safari auf meinen Wilden Meter. Ich fühlte mich wie eine Naturforscherin auf Expedition. Und was konnte ich nicht alles entdecken: Wanderfalter, wie Admiral und Distelfalter, die sich auf ihrer weiten Flugreise, bei mir stärken; Bienen-Männchen, die zusammengekuschelt in Glockenblumen-Blüten übernachten; Marienkäfer, die Blattläuse jagen; Schwebfliegen-Larven, die wie kriechende Rotzpopel aussehen und auch Blattläuse futtern; Mini-Spinnen, die viel größere Käfer fesseln. Jeden Tag entdecke ich etwas Neues. Es ist aufregender als eine Tierdoku im Fernsehen oder auf YouTube. Denn es ist echt! Echte lebendige Tiere, die alle zu mir auf den Balkon kommen. Ich muss mich auf dem Balkon nicht einmal hinknien und ich brauche auch kein Fernglas. 

Das Ergebnis: Von 2014 bis heute habe ich 164 Tier-Arten in meiner Liste dokumentiert. Wildbienen, Wespen, Schmetterlinge, Fliegen, Käfer, Wanzen, Heuschrecken, Spinnen, Vögel und andere mehr. Sogar eine Mauereidechse wohnte einen Sommer auf dem Wilden Meter. Sie hieß Emmi. 

Viele nette, hilfsbereite Experten haben mich bei der Bestimmung der Arten unterstützt. Sechs Ameisen vom Wilden Meter habe ich sogar an eine echte Ameisenforscherin in Karlsruhe geschickt. Ich musste sie in einem Fläschchen in Alkohol per Post schicken. Sie wurden von der Biologin auf eine Nadel gespießt und mit einem sehr teuren Mikroskop untersucht. Sie werden jetzt in einer Schublade in der Ameisensammlung des Naturkundemuseums Karlsruhe aufbewahrt. 

Die Makro-Fotos der Forscherin von den aufgespießten Ameisen findest du hier: Alpenameise Wilder Meter 

Eine Liste mit allen wilden Tieren, die den Wilden Meter besucht haben, findest du hier: Wilde Tiere auf dem Wilden Meter 

Schmetterlinge auf dem Wilden Meter

Schmetterlinge gehören nicht zu meinen täglichen Gästen, aber natürlich zu meinen schönsten. Auf meiner Beobachtungsliste stehen 17 verschiedene Schmetterlingsarten: Tagfalter und Nachtfalter. Manche kommen zu den Blüten, andere leben als Raupen in den Töpfen und knabbern an den Blättern der Pflanzen. Die Schmetterlinge, die auf meinem Balkon als Raupen wohnen, sind nicht sehr wählerisch beim Essen. Es schmecken ihnen viele verschiedene Pflanzen. So habe ich zum Beispiel die Raupen der Achat-Eule und der Gamma-Eules beobachtet.

Ich freue mich immer, wenn ich Löcher in den Blättern finde. „Juchuh, ein Gast!“ Wenn eine Pflanze gefressen wird, ist sie nützlich. Das Loch ist der Beweis. Die Pflanze ernährt eine Raupe, die sich irgendwann in einen Schmetterling verwandelt. Manchmal kommen aber auch hungrige Kohlmeisen vorbei und verspeisen die Raupen. So leistet mein Balkon einen klitzekleinen Beitrag zur Ernährung von hungrigen Raupen und hungrigen Kohlmeisen. 

Das sind die Schmetterlinge, ich bisher auf dem Balkon beobachten konnte. In Klammern stehen die wissenschaftlichen Namen, wie sie von Biologen benutzt werden. Die musst du dir aber nicht merken.

  • Admiral (Vanessa atalanta)
  • Achateule (Phlogophora meticulosa)
  • Celypha rufana
  • Distelfalter (Vanessa cardui)
  • Gammaeule (Autographa gamma)
  • Goldzünsler (Pyrausta aurata)
  • Grauer Zwergspanner (Idaea seriata)
  • Großer Kohlweißling (Pieris brassicae)
  • Grünaderweißling (Pieris napi)
  • Hauhechel-Bläuling (Polyommatus icarus)
  • Hausmutter (Noctua pronuba)
  • Kohlmotte (Plutella xylostella)
  • Kleiner Fuchs (Aglais urticae)
  • Tagpfauenauge (Aglais io)
  • Taubenschwänzchen (Macroglossum stellatarum)
  • Weißer Graszünsler (Crambus perlella)
  • Zwergbläuling (Cupido minimus)

Hier findet ihr Fotos von den Faltern und Raupen, die ich fotografieren konnte: Balkonschmetterlinge Wilder Meter 

Interessierte erwachsene Leserinnen und Leser finden auf dem Blog noch einen Schmetterlingsartikel mit Hintergrundinformationen: „Unerschöpfliches Labyrinth der Ekstasen“ https://wildermeter.de/schmetterlinge-labyrinth-der-ekstasen/

Für dich: Was du tun kannst 

Willst du auch unsere Schmetterlinge und Bienen mit einheimischen Wildpflanzen unterstützen? 

  • Du brauchst nicht viel Platz und kannst schon mit einem Topf auf dem Balkon anfangen. 
  • Tipps, wo du einheimische Wildpflanzen in deiner Nähe kaufen kannst, findest du auf meinem Blog: Kaufratgeber Wilder Meter 
  • Wichtig: Kaufe nur Pflanzen aus Bio-Gärtnereien ohne Pestizide!
  • Im Internet findest du Listen mit schmetterlingsfreundlichen Pflanzen, z. B. beim Naturschutzverband NABU: Schmetterlingsfreundliche Pflanzen @ NABU 
  • Am wichtigsten ist Geduld. Es ist nicht garantiert, dass sofort Insekten deine Blumen besuchen. Sie müssen das neue Nahrungsangebot erst finden.